Kapitel 20 - Trauer

 Düsseldorf-Kaiserswerth, November 2011

...”Die Mutti hatte ja so etwas wie den siebten Sinn”, sagt Omi.

Ich sitze auf dem Sofa meiner beiden Omas, in gemütlicher Atmosphäre, bei gedämpften Licht.


Tante Martha sitzt wie immer nickend, grinsend und Däumchen drehend in ihrem Sessel und pflichtet den Worten ihrer Schwester bei.


"Ja, wie äußerte sich das denn mit dem siebten Sinn?" frage ich neugierig.


Ich bin ohnehin ein bisschen spirituell veranlagt.


Darüber macht man sich auch gern hin und wieder lustig, aber ich möchte nun mal einfach gerne daran glauben, dass uns nach dem Tod noch etwas erwartet.

Dass es einen Zustand gibt, in dem wir uns wohlfühlen und Menschen wiedersehen, die wir jetzt vermissen.


Omi glaubt auch daran.


An diesem Tag geben mir meine Omas etwas, das sich genau danach anfühlt: eine Antwort. Oder zumindest Hoffnung. Eine Ahnung auf genau diese Frage.


"Die Mutti, die war ihrer Zeit ja so voraus, nicht wahr, Martha?"


"Die war ja im Juli ganz unruhig. Lief auf und ab wie ein Tiger im Käfig..

"Dolf schreibt nicht. Ob es dem noch gut geht?", hatte sie sich häufiger denn je gefragt.


Auguste träumt, dass ihr Sohn Dolf auf einem Feld steht. Er winkt ihr zu und sagt:

"Mutti, alles ist in Ordnung! Mir geht es gut!"


Aber da stimmt was nicht mit seinem Gesicht. Da läuft was runter. Eine klebrige Masse..


Irgendwann erhalten sie Post. Doch diesmal nicht von Dolf.


Es ist eine kleine gelbe Karte:


Soldat Preußner, Feldpostnummer: 23166 / C

gefallen am 12. Juli 1941


Todesursache: Kopfschuss..





Ich bekomme Gänsehaut.


Die Karte trifft am 20.07.1941 bei der Familie ein – acht Tage nach dem Unglück und zwei Tage vor Augustes Geburtstag.

Wie schlimm dieser Tag für alle gewesen sein muss, mag ich mir kaum vorstellen.

Bruder Willi überlebt den Krieg noch fast bis zum Schluss. Zuletzt ist er 1945 in Breslau stationiert, wo sich seine Spur irgendwann verliert.


Vater Otto schließt am 20. Januar 1946 für immer seine Augen.


Der Verlust der beiden Erstgeborenen hat ihn sicherlich zutiefst erschöpft.


Mutter Auguste klammert sich noch einige Jahre an die kleine Hoffnung, Willi doch noch zu finden. Unermüdlich schreibt sie an das Deutsche Rote Kreuz, bittet um Hinweise, hofft und bangt – doch die Suche bleibt ergebnislos.


In den 1950er Jahren erkrankt sie schwer. Gleichzeitig erwartet ihre Tochter Marianne ihr erstes Kind. Dieses möchte Auguste unbedingt noch erleben.


Als 1954 ihr Enkelkind zur Welt kommt, sitzt sie ganz ruhig in einer Ecke des Krankenhauszimmers. Sie ist ganz still.


Es ist ein kleiner Junge.


Das muss ihr unglaublich viel bedeutet haben. Zumindest beschreibt meine Omi es so:


"Mehr hatte sie nicht gewollt. Sie war so glückselig, sie konnte gar nichts sagen. Ganz ruhig hat sie da gesessen und ihn angesehen. So konnte sie in Frieden gehen."


Auguste schließt am 19. Mai 1955 ihre Augen.


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