Epilog
Düsseldorf-Kaiserswerth, Januar 2026
Ein schöner Samstagnachmittag. Die Sonne scheint. Im Vergleich zu den eiskalten Minusgraden der vergangenen Wochen ist es heute sogar ziemlich warm: 12 Grad.
Ich spaziere mit meinen Kindern am Rhein entlang durch Kaiserswerth. Es ist brechend voll. Wie immer zieht es die Menschen an solchen Tagen scharenweise hierher.
Wir suchen vergeblich das Gespenst, das angeblich in der alten Burgruine wohnen soll.
„Vielleicht schläft es tagsüber …“, sagt mein älterer Sohn.
„Nein!!!“, ruft der Kleinere.
Sie sind zwei und vier Jahre alt – knapp zwei Jahre Altersunterschied. Genau wie bei Großonkel Dolf und Oma Marianne.
Um die beiden von hier wegzulocken, muss ich mir etwas einfallen lassen.
„Wer möchte ein Eis?“
Zügig laufen wir Richtung Parkplatz und durchqueren eine kleine Unterführung. Davor befinden sich links und rechts leichte Steigungen: Die linke führt zurück in den Ortskern, die rechte zum Parkplatz.
Für die beiden sind es riesige, steile Abhänge. Perfekt zum Hoch- und Runterlaufen. Was sie natürlich sofort tun. Ich lasse sie und halte einen Moment inne.
Das ist mein alter Schulweg.
Hier bin ich jeden Tag entlanggelaufen – bei Wind und Wetter, immer in Begleitung von mindestens zwei anderen Kindern, händchenhaltend. Den „Abhang“ hinunter, durch die Unterführung, den anderen „Abhang“ wieder hinauf, Richtung Ortskern und Grundschule. Heute bräuchte ich dafür höchstens zehn Minuten. Damals waren es vermutlich zwanzig.
Meinen Omas war immer ganz „bang“ bei dem Gedanken, dass ich diesen Weg alleine gehen musste – besonders in der dunklen Winterzeit.
Also stellten sie sich morgens beide oben auf die kleine Brücke und beobachteten uns.
Nie habe ich sie bemerkt.
Erst viele Jahre später haben sie mir davon erzählt. Zum Glück. Viel zu peinlich wäre mir das gewesen!
Heute erinnere ich mich wieder daran. Jetzt, wo die beiden Kleinen hier spielen.
Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals.
Wie sehr hätten sich die beiden über ihre Ur-Enkelchen gefreut. Wie viel Spaß sie gehabt hätten. Daran denke ich oft. Heute ganz besonders.
Vor meinem inneren Auge sehe ich die beiden Omas immer dort oben stehen, wenn ich hier entlanglaufe.
Jetzt stehen sie auch wieder dort. Diesmal aber nicht nur zu zweit. Die ganze Familie steht dort, schaut zu und wacht.
Der Gedanke, dass die Brüder und Schwestern, Eltern und Kinder irgendwann wieder vereint wurden, tröstet mich. Ich möchte daran glauben.
Sie haben doch auch alle daran geglaubt.
Und selbst wenn da nichts ist, so verdient es wenigstens Dolf – der kaum richtig leben konnte –, dass man seiner gedenkt und ihn nicht gänzlich vergisst.
Ich glaube, das hätte ihn gefreut. So bleibt wenigstens ein bisschen von ihm bestehen.
Denn diese Geschichte gebe ich weiter. An zwei Menschen, die sehr bald in eine Zeit hineinwachsen, in der es gar keine Zeitzeugen mehr gibt:
Meine Kinder.
---> Zusatzkapitel 1 - Lotte

Eine bewegende Geschichte, wunderschön geschrieben.
AntwortenLöschenVielen Dank und herzliche Grüße aus den Niederlanden,
Michael
vielen, lieben Dank für das Feedback! Das freut mich sehr!!
LöschenEinfach Klasse. Vielen Dank für das veröffentlichen deiner Geschichte!
AntwortenLöschenLiebe Grüße aus Mittelhessen
Tausend Dank!!😊
LöschenDanke für Deine Mühen, liebe Nicki. Traurig und gleichzeitig auch so interessant alles zu lesen. Und ich vermute, viele von uns haben auf den Dachböden ihrer Eltern und (Ur)Großeltern diese Feldpost. Mit ChatGPT könnte man ggf. auch Sütterlin übersetzen lassen und so vielleicht demnächst mehr Dokumente von unseren Vorfahren sichtbar machen. Denn die meisten Vorfahren von uns waren im Krieg in irgendeiner Form involviert. LG Katharina
AntwortenLöschenVielen Dank für dein Feedback :)
Löschen