Kapitel 11 - Januar 1941 - Neugier & Stolz: Briefe 8-11
Düsseldorf, November 2025
In den letzten Jahren hat sich bei mir vieles verändert. Ich bringe zwei Kinder zur Welt, und das Projekt „Feldpost“ bleibt zunächst liegen.
Inzwischen sind wir in einem neuen Zuhause angekommen.
An diesem Novemberabend sitze ich im Wohnzimmer und habe endlich wieder die Ruhe und die Zeit, mich der Feldpost zu widmen.
Sieben Briefe sind bereits transkribiert, doch die Kladde mit den in Klarsichthüllen verwahrten Briefen ist umfangreich.
Margarethe ist Anfang 2020 leider verstorben.
Also suche ich auf eBay Kleinanzeigen nach Übersetzer:innen für Sütterlin. Ich stoße auf viel Kurioses. Doch eine Anzeige klingt professionell und vielversprechend: von Isabel aus Wülfrath. Das ist ein Zeichen.
Sie möchte Familiengeschichten wieder „sichtbar“ machen — eine Herzensangelegenheit für sie.
Ich schreibe ihr einen längeren Text und erhalte schnell eine freundliche Antwort.
Die ersten Briefe aus dem Januar folgen umgehend.
O.U., den 14. Jan. 41
Liebe Eltern u. Geschwister!
Eben erhielt ich einen lieben Brief von Euch. Worin sich Mutter über mein weniges schreiben beklagt. Ja Ihr lieben Leute, meint Ihr vielleicht, ich hätte nichts anderes zu tun, wie nur mich für die Almosen zu bedanken.
Ich habe kaum mal eine freie Minute und wenn ich die habe, dann lege ich mich ins Bett und dann ist es auch meistens Zeit dazu. Ich werde gleich noch an Groß schreiben, obwohl ich jeden Moment gerufen werden kann, dann gibt es wieder nichts damit. Im allgemeinen könnt Ihr Euch doch nicht beklagen, denn ich schreibe jede Woche doch mindestens 2x an Euch. Wenn ich in Urlaub komme, werde ich Euch das erklären, denn schreiben kann u. darf ich das nicht. Wenn dieser Brief zu Hause ankommt, wird Willi seinen Urlaub ja bereits begonnen haben. Wenn der wieder fort ist, werde ich bald kommen. In einem meiner letzten Briefe habe ich Euch gebeten, mir kein Geld zu schicken und trotzdem tut Ihr das. Ihr wollt mich doch wohl nicht böse machen?! Ich habe jetzt noch ungefähr 25,- RM u. am Dienstag gibt es schon wieder 12,- RM. Sonst geht es mir auch gut. Wenn Ihr mir unbedingt mal etwas schicken wollt, dann schickt mir doch mal einige Schachten gute Zigaretten. Von diesem franz. Zeug, bekommt man den „Keuchhusten“.
Also Ihr Lieben, wenn noch mal einer fragt, warum ich so wenig schreibe, dann sagt Ihnen, ich käme bald in Urlaub und klärt Sie auf. Ihr werdet dann bestimmt Verständnis dafür haben. Übrigens habe ich an Groß sofort geschrieben, der Brief ist sicher nicht angekommen. Ich habe auch schon einige Briefe nicht bekommen.
Viele Grüße und Küsse
von Eurem Sohn u. Bruder Adolf
O.U., den 16. Jan. 41
Liebe Eltern u. Geschwister!
Ich habe heute von 6 – morgen 6 Uhr Wache, da kann ich mal in Ruhe an alle schreiben.
An Groß habe ich gestern noch geschrieben. Ich habe so getan, als ob der Brief verloren gegangen wäre, ich konnte mich nämlich nicht mehr genau erinnern, ob ich mich für das Päckchen schon bedankt hatte. Also wißt Ihr Bescheid. Drückt mir doch bitte bitte alle mal feste die Daumen, das es mit meinem Urlaub klappt. Im Februar werde ich kommen. Mensch Kinders, 21 Tage, is dat dann wild Marie??? Aber jewiß doch!!! Dann habt Ihr beide Jungens noch mal zu Hause gehabt. Nachdem kommt der letzte Schlag und dann geht’s auf zur Siegesfeier. Anschließend noch in paar Monate Kasernenleben und dann Heim zu Vater und Mutter. Willi wird ja wohl zuerst nach Coburg gefahren sein zu seiner Erni, ich kann das ja verstehen. Ich bin ja genau so verliebt wie Er. Aber freut Euch das Eure Jungens so glücklich verliebt sind, und beide so nette Mädels gefunden haben. Was gibt es neues in Deutschland bezw. in Wülfrath? Hier ist noch alles beim Alten.
Was macht Onkel Willi denn noch, haust er denn so ganz allein in seiner Wohnung? Ich fühle mich „Sauwohl“, es hat mir selten so gut gegangen wie beim Komiß. Ich meine jetzt körperlich bezw. gesundheitlich. Ich hoffe ja, das auch Ihr noch alle munter seid. In der Hoffnung, Euch bald wiederzusehn
Grüßt Euch alle
Euer Sohn u. Bruder Adolf
O.U., den 23. Januar 41
Ihr Lieben Daheim!
Ist Willi zu Hause? Eben erhielt ich 1 Kartenbrief von Mütterlein u. gestern einen Brief. Selbstverständlich kaufe ich was für meine Lotte, das ist doch klar wie dicke Tinte. Habe vor etwa 14 – 21 Tagen Kleiderstoff im Werte von 10,- RM an Sie geschickt, den Sie bis jetzt noch nicht hat. Da bin ich natürlich kopfscheu geworden. Hoffentlich kommt er noch an.
Habe Euch eine freudige Mitteilung zu machen. Vorgestern waren wir wieder auf dem Schießstand. Da war ich der beste Maschinengewehrschütze. Bei 10 Schuß auf 2 Quadrate, also 2 Ziele je 5 Schuß, hatte ich 9 Treffer in 5 Sekunden. Das war eine Spitzenleistung, kein Uffz. u. Feldwebel hat so gut geschossen. Als 2.bester kam ein Feldwebel mit 10 Treffer in 6 Sekunden.
1. Preußner: 9 Treffer in 5 Sekunden
2. Feldwebel X: 1ß Treffer in 6 Sekunden
Willi wird Euch bestätigen können, das daß eine Bestleistung war. Ich habe eine Freude, das könnt Ihr mir garnicht glauben.
Ich werde das Kind schon schaukeln, da könnt Ihr Euch drauf verlassen. Mit dem Urlaub steht es sehr schlecht. Wir hoffen allerdings alle, das es bald besser geht. Sonst kämen ja die meisten nicht mehr dran. Wie geht es Euch denn noch, seid Ihr noch alle auf dem Draht? Auch mein Papa, der würdige, alte, gestrenge, gutmütige, liebe, viel Kautabak kauende? Euer Päckchen mit den Zigaretten wird ja bald kommen, ich danke Euch schon im voraus. Am Samstag fahren wir nach Paris, dort gastiert der Zirkus Busch aus Berlin. Gestern abend war ich mit meinen Stubenkameraden im Dorf in einer Kneipe. Ich war wieder so richtig in Fahrt. Das ganze Lokal hat über mich gelacht, auch die Franzosen, obwohl die meine Witze nicht verstanden. Wir haben sehr viel Freude gehabt. 4 Monate hätte ich nun schon rum, wie doch die Zeit vergeht. Noch 20 Monate, dann habe ich diesen Schwindel auch hinter mehr. Aber dann ist Schluß mit dem marschieren, auch mit der H.J. Dann wird gebrasselt Tag u. Nacht bis es zum Wohlstand langt.
In diesem Sinne:
Grüße u. Küsse sendet Euch Euer richtiger
Bengel Adolf
Frankreich, den 30. J. 41
Liebe Eltern u. Geschwister!
Ich habe wiedermal Wache, da habe ich wenigstens noch mal Zeit an Euch und auch an viele andere zu schreiben. Sonst kommt man da doch nicht zu. Heute nachmittag haben wir die Führerrede gehört. Der Führer hat’s dem Engländer mal wieder gesagt, was! Ferner sagte er ja auch, das sich in diesem Jahr der Krieg entscheiden soll. Das wäre ja zu wünschen.
Ist Willi nun bei Euch, hat er Erni mitgebracht? Was sagt Willi denn so vom Essen bei ihnen? Ich möchte nichts gesagt haben, aber gerne mit Euch tauschen.
Sonst geht es mir noch gut, was ich auch von Euch erwarte.
Was macht Onkel Willi dann noch, haust er so ganz allein in seinen 4 Wänden. Ich möchte, ich könnte auch bald in Urlaub fahren, aber es sieht nicht aus damit. Weiß der Teufel was das für eine Scheiße ist hier!
Nächste Woche fahren wir mit 15 Mann nach Paris in die Oper. Das wird wohl der Wunsch eines jeden Deutschen sein, einmal in der Pariser-Oper gewesen zu sein. Nun muß ich aber schließen, da ich gleich aufziehen muß.
Also Tschüß
Euer Adolf
---> Weiter zu Kapitel 12: Die Familie
Kommentare
Kommentar veröffentlichen