Kapitel 16 - Mai 1941 - Krankheit & Liebeskummer: Briefe 24-32

O. U. den 2. Mai 1941

Liebes Schwesterlein!

Heute, gerade zu Deinem Geburtstag, ist es mir mal wieder möglich, zu schreiben. Entschuldige also die verspätete Gratulation, ich wünsche Dir auch alles Gute für die Zukunft und bleibe wie Du bist, dann wirst Du das Leben schon meistern. 

Auch in Deiner Liebe zu Herbert wünsche ich Dir viel Glück und gute Fortschritte. Nun bist Du mir doch sicher nicht mehr böse, nein? Ja, Marianne ich bin jetzt so’n Stück Weltreisender, im Laufe meiner Dienstzeit werde ich wohl noch durch ganz Europa kommen, wenn das

so weiter geht. Wir sind am 29.4. in Graz in Österreich auf die Eisenbahn verladen worden u. gestern am 1.5. hier angekommen. Lange werden wir hier auch nicht bleiben, wir liegen in Privatquartieren. Aber Urlaub gibt es immer noch keinen, das hat uns der Alte schon gesagt. Also mal wieder abwarten und Tee trinken.

Viele Grüße und einen dicken Geburtstagskuß von Deinem

Brüderlein

                                                                                                                                                                           


O.U ,den 6. Mai 1941

Liebe Eltern und Geschwister!

Das ich Geld brauche das wißt Ihr!

Gestern bekam ich einen Brief von Mutter, in dem sie sich ja sehr Sorge macht. Das kann ich garnicht verstehen, denn so gut wie es mir jetzt geht, ist es mir während meiner Soldatenzeit noch nicht gegangen. Das merkt Ihr ja schon an der übermütigen Überschrift, die ich nicht wörtlich meine. Die Tochter von meinen Quartiersleuten sah die Überschrift und sagte mir den Fers dazu. Es sind übrigens prima Leute, wir sind mit 5 Mann dort.

Das ganze Dorf hat nur 400 Einwohner und dann 200 Soldaten Einquartierung, da geht es ein wenig eng rum, das könnt Ihr Euch ja wohl denken. Wo ich bin, kann Lotte Euch sagen, heute waren wir im Kino und vorher zum brausen. Morgen ist ein Gesundheitsappell, wie lange wir hier bleiben weiß ich nicht, das liegt nur daran, wie schnell unsere Fahrzeuge überholt sind.

Mit Willi’s Verdienstkreuz das ist ja eine tolle Sache, was soll der Stolz sein! Und Erni wird ja auch stolz sein auf Ihren Bräutigam! Ich bin nur mal gespannt, wie lange das noch dauert bis ich mal das alte Wülfrath wiedersehe? 

Habt Ihr auch Lotte etwas zum Geburtstag geschenkt, schreibt mir bitte, was! 

Geht es Lotte wieder ganz richtig besser? 

Von dem Krieg in Jugoslawien - das habt Ihr ja schon alle im Radio und in der Zeitung gehört. Einzelheiten kann ich Euch im Urlaub mal erzählen, dann läßt sich das viel besser machen. 

Ich habe jedenfalls tolle Dinge erlebt, das steht fest. 

Liebe Mutter wenn ich nicht alle Briefe pünktlich beantwortet habe, dann mußt Du entschuldigen, aber ab heute wird das wieder pünktlich gemacht, da wir jetzt wieder festen Sitz haben für einige Wochen. Ihr könntet mir mal einige Rasierklingen schicken und ein paar neue Sockenhalter falls Ihr das bekommen könnt. 

An alte Göpfers werde ich pünktlich schreiben, morgen bringt mir einer aus der Stadt eine Karte mit. 

Nun schließe ich in der Hoffnung bald wieder etwas von Euch zu hören.

Gruß u. Kuß

Euer Julius!


                                                                                                                                                                         


O. U., den 13. Mai 1941

Liebe Eltern und Geschwister!

Heute will ich doch noch mal schreiben, sonst macht sich mein Mütterlein mal wieder Sorgen. 

Seit vorige Woche Mittwoch bin ich nun bettlägerig, ich habe wieder das alte Leiden mit dem Hals. Aber diesmal hat es mich richtig gepackt, vereiterte Mandelentzündung.

Ich habe bis heute noch keine Nacht geschlafen und noch nichts gegessen. Eben habe ich mal einige Tassen Milch getrunken und ein paar Apfelsinen gegessen. Ich wußte oft vor Schmerzen nicht, wo ich hin sollte, noch keinen Brief habe ich in den Tagen geschrieben. Heute geht es so einigermaßen, hatte eben nur noch 37,5 Fieber. An den andern Tagen hatte ich oft 38,4 oder 38,5. Jetzt ist das vorbei, nun habe ich so furchtbare Schmerzen im Rücken, direkt über dem Gesäß. Ich kann nur noch ganz langsam gehen, mal gespannt was der Arzt morgen dazu sagt. Ich habe immer viel Besuch hier, auch die Leute tun was Sie können.

Ich liege schon die ganzen Tage bei Ihnen auf Scheselong in der Küche. Abends mache ich oft Fußbäder und trinke heißes Zitronenwasser. Oft bekomme ich Milch oder Eier gebraten und dann ganz klein geschnitten. Meine Pflege ist ganz gut, denn ins Lazarett möchte ich auch nicht gerne. 

Von Willi erhielt ich in den letzten Tagen auch mal wieder Post. Warum ward Ihr eigentlich alle so besorgt um mich, Ihr wißt doch. “Unkraut vergeht nicht!” Ich werde nun schließen, ich bin nämlich schlapp wie die Sünde. Ich tue mir selber Leid, wenn ich in den Spiegel sehe.

Viele Grüße

von Eurem Adolf


                                                                                                                                                                          


14. Mai 1941

Ihr Lieben daheim!

Eben erhielt ich einen Brief vom 10.5. von Euch. Endlich mal wieder Post. 

Mir ist es heute mal wieder furchtbar Elend, die Buchstaben flimmern mir oft vor den Augen. Und morgen soll ich schon wieder Dienst mitmachen, das kommt aber nicht in Frage. 

Ich muß meinem Mutterlein wieder eine Rüge erteilen, denn ich habe Ihr schon so oft verboten mir Geld zu schicken. 

Schickt mir lieber einen neuen Kadawer, der alte hat schwer gelitten in Jugoslawien. 

Von Lotte bekomme ich eigentlich sehr wenig Post, könnt Ihr Euch das erklären? Ist doch noch alles in Ordnung mit Ihr und mir, wie? 

Mir ist im Augenblick auch alles egal und wenn überhaupt keiner mehr schreibt, was ich an Tagen u. Nächten hier bei Wildfremden Menschen mitmache, genügt mir schon, um damit fertig zu werden. Sagt Lotte ich schrieb wohl bald mal wieder mehr.

Gruß Euer Adolf


                                                                                                                                                                          


O. U., den 17. Mai 1941

Ihr Lieben Daheim!

Seit heute morgen geht es mir wieder ganz gut, hoffentlich bleibt das so, denn einen Rückfall habe ich schon hinter mir. 

Das Wetter ist ja auch zu schlecht, da gehen die besten Pferde ja kaputt bei. 

Morgen veranstaltet unsere Kompanie hier einen Dorfabend, ich kann da allerdings nicht hingehen. Das wird eine schöne Sache, zumal sehr viel Besuch hier ist. Die meisten haben nämlich Ihre Frauen, Bräute oder Ihre Mädels hier. Von Mettmann ist auch ein Mädel hier, die verkehrt mit einem Herbert Reimann mit dem ich auch im Arbeitsdienst war. 

Die beiden haben mich schon ein paar mal besucht, heute Abend kommen sie vielleicht wieder. Die machen mir dann immer die Hölle heiß, das mir das Wasser im Mund zusammen läuft. Hoffentlich habe ich auch mal bald das Glück meine Lotte noch mal ordentlich drücken zu können. 

Nun will ich aber Schluß machen, damit ich noch ein Schläfchen halten kann.

Viele 1000 Grüße

von Eurem Sohn und Bruder Adolf!

                                                                                                                                                                          


Großwig, den 20.V.1941

Ihr Lieben Daheim!

Eben erhielt ich einen langen lieben Brief von Mutter. Er war tadellos und ich habe mich sehr darüber gefreut. 

Ich bin wieder ganz nett auf dem Damm und morgen mache ich auch wieder Dienst mit. 

Mit dem Päckchen, welches ich eben bekam, habt Ihr mir auch eine große Freude gemacht. Aber den Käse könnt Ihr ruhig raus lassen, unsere Verpflegung ist so gut und viel, das man sie kaum aufkriegt. Ich weiß auch nicht, was die mit uns vorhaben, das man uns so gut füttert. Jeden Mittag gibt’s Apfelsinen, schöne dicke, 2 Stck. pro Kopf. 

Der Dienst ist auch ganz nett dieser Tage, es ist zum aushalten nur Urlaub gibt es keinen. 

So Mutti, jetzt weißt Du noch mal wieder allerlei auf einen Haufen. Ferner danke ich Dir über die Nachrichten von Lotte. Da konnte Lotte nichts für das ich keine Post bekam, denn es kommt jetzt noch immer alte Post nach. 

Eben bekam ich noch einen von Lotte vom 17. April. Du mußt mich nicht verkehrt verstehen, denn meine Eltern stehen mir bis jetzt noch immer näher, als Lotte. Was alles anbetrifft zwischen Lotte und mir, das regeln wir schon unter uns. Ich traue auch Lotte nichts schlechtes zu, deshalb müßt Ihr nicht so genau kucken.

Das sie verwöhnt ist, da kann Sie ja auch nicht für, das bin ich ja auch. Ich meine jetzt nur, wenn es an meinen Namen gehen sollte und damit an Euren. Ich bin jetzt so abgehärtet, nachdem was ich in den paar Monaten alles erlebt habe, da würde ich auch über den Schmerz fort kommen. 

Ich hänge sehr an Lotte und werde Sie wohl nie vergessen, aber wenn sie mir Unehre macht und ich komme ins Gerede, dann Schluß.

Ich weiß auch nicht, wie ich nur auf so Gedanken komme, aber je länger ich fort bin um so öfter kriege ich das. Dann bekomme ich auf einmal so’ne Angst, und meine, mir könnte Sie einer weg nehmen. 

Nun bin ich schon bald wieder 8 Monate von Hause und heute mittag sagte der Alte: “Urlaub gibt’s nicht, Pfingsten sind wir schon hier weg!” Wo es hingeht, hm, vielleicht nach den Affen?!

Nun Gruß und Kuß an alles, was Preußner heißt

Euer rüstiger Junge Adolf

PS: An Tante Änne schreibe ich auch mal bald! Sagt Ihr das!

Ward Ihr auch auf der Goldhochzeit, Lotte schrieb es wäre so schön gewesen dort.

                                                                                                                                                                           


Großwig, den 25.V.41

Ihr Lieben Daheim!

Da mein Mütterlein so fleißig schreibt, will ich Ihr doch auch nicht nachstehen. 

Liebe Mutter, Du kannst Dich doch jetzt nicht mehr beklagen, ich schreibe doch jetzt so oft an Euch! Es ist aber auch hier so langweilig und eintönig, da erlebt man ja nichts um was zu schreiben. Das einzige Vergnügen was wir haben, das wir jede Woche 1 mal nach Torgau ins Kino fahren. 

Heute, am Sonntag, habe ich im Garten gelegen und gelesen, es ist ein herrliches Wetter, zum Eier legen. Gestern habe ich mit dem Fuhrwerk Sand gefahren, das machte mir Spaß. In der Kneipe hier, bin ich erst 2 mal gewesen in der ganzen Zeit.

Ich bin ganz solide geworden und trotzdem zufrieden dabei. Du schreibst etwas von Urlaub, damit wird’s nichts, es gibt nur Urlaub in Sterbefällen. 

Und ob das Geburtstagsgeschenk für Lotte gut war, aber sicher liebe Mutter, Lotte hat mir das sofort voller Freude geschrieben. Du findest schon immer das richtige. 

Sonst bin ich ohne Neuigkeit, mit der Überraschung für Dich, das gibt nichts, es sollt Kaffee sein, der ist nun beschlagnahmt worden von der Division.

Viele 1000 Grüße sendet Euch

Euer Adolf.

                                                                                                                                                                         


Gr., den 28.V.41

Ihr Lieben Daheim!

Gestern bekam ich mal wieder einen lieben Brief von Euch. 

Mir geht es nun wieder tadellos, war 3 Tage mit unserem Bauern im Tannenwald Holz hacken. Das war wunderschön und hat mir gut getan. 

Jetzt bin ich auf der Kammer, Gasmasken streichen und beschreiben, da kann ich was lernen, es macht mir Spaß. 

Dieser Tage bekommt Ihr auch mal wieder einige Bildchen, wir müssen noch ein paar Abzüge machen lassen. 

Willi hat mir auch gestern einen langen Brief geschrieben, der ist ja ganz schön raus, ich möchte nicht bei dem in der Kompanie sein. Der kann eklig sein und ein Schreihals ist er auch, das kennt Ihr ja! 

Viel neues weiß ich nicht zu berichten, nur das ich bald verblöde in dem Nest hier. 

Da nun Mutter immer so fleißig schreibt, kann ich mich doch nicht lumpen lassen. Nun gute Nacht!

Es grüßt Euch

Euer Sohn u. Bruder

Adolf.

                                                                                                                                                                           


Gr., den 31. Mai 1941

Liebe gute Mutter!

Heute Abend bekam ich wieder einen lieben langen Brief von Dir, für den ich Dir auch recht schön danke. Du bist ja so pünktlich mit dem schreiben, da sollst Du mir aber auch nichts nach sagen können. 

Liebe Mutter,

nehme Dich ja in Acht mit Deinem Herz, es muß noch lange für Deine Kinder und vor allen Dingen für Deine Jungens schlagen. 

Also Mutter,

stark sein, Deine Kinder brauchen Dich noch um alles das einmal gut zu machen, was Du an uns getan. Das Leben hat gerade durch den Krieg uns, Willi und mich, gelehrt, das es nirgends schöner sein kann als zu Hause bei Vater und Mutter. 

Mit dem Geld das hast Du richtig gemacht. Wenn Ihr es gebrauchen müßt, dann nehmt es nur, kommt Zeit kommt Rat. Beiliegend schicke ich Euch 10,- Rm, solltet Ihr es allerdings nicht brauchen, dann tut es mir auf die Kasse. Das überlasse ich ganz Dir und Vater, denn übrig habt Ihr bestimmt auch nichts. Es kommen ja sehr bald andere Zeiten und ans heiraten denke ich noch lange nicht. Erst wird mal ein paar Jahre mit Vater und Mutter anständig gelebt nach alt preußischem Muster.

Nun 1000 Grüße u. Küsse

von Eurem Sohn

und Bruder Adolf.

PS: Dienstag oder Mittwoch bekommt Ihr auch wieder einige Bildchen von mir.


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