Kapitel 3 - Abschied von meinen "Omas"
2014 erleidet Tante Martha einen Herzinfarkt. Oma Marianne kann den Notruf noch rechtzeitig wählen, und sie wird medizinisch gut versorgt.
Ein Arzt nimmt mich beiseite und fragt, ob den beiden Damen noch keine Pflegestufe zugeordnet wurde und wer sie derzeit betreut.
„Ich bin doch regelmäßig dort, gehe einkaufen, putze und kümmere mich.“
Er sieht mich ungläubig an.
„Ich empfehle Ihnen, mit der Krankenkasse in Kontakt zu treten. Das war knapp bei Ihrer Großtante.“
Omi hat den Infarkt zuerst nicht bemerkt. Sie hört und sieht sehr schlecht, hat den Fernseher immer auf voller Lautstärke. Ein Wunder, dass sie die Situation erfasst und schnell reagiert.
Ich bin überfordert.
Was bedeutet das jetzt? Altersheim? Nein. Alles, nur nicht das. Bitte nicht.
Ich bin inzwischen 27 Jahre alt und in dieser Hinsicht total naiv. Glücklicherweise erklärt man mir innerhalb der Familie, dass ich mich nicht alleine um die beiden kümmern kann. Natürlich nicht. Wie denn auch. Täglich kann ich nicht vor Ort sein, und medizinische Kenntnisse habe ich keine.
Gespräche mit den Nachbarn folgen, und schnell wird klar: Es geht nicht mehr so weiter.
Wir sitzen ein letztes Mal gemeinsam in dem gemütlichen Wohnzimmer, bei gedämpftem Licht.
„Tja, hach. Es ist vorbei. Ich sag, wie es ist. Ein Heim ist die Endstation“, sagt Omi leise.
„Ist es nicht. Ich komme euch genauso häufig besuchen wie bislang.“
Sie versucht, sich ein Lächeln abzuringen.
Ich habe ein bisschen Sorge, dass sie Tante Martha den Infarkt übel nimmt.
Ich weiß nicht, ob man den Umzug in ein Altersheim oder eine Seniorenresidenz wirklich als Umzug bezeichnen kann. Man nimmt ja kaum etwas mit. Ein paar wenige Habseligkeiten – für alles andere ist da kein Platz.
Wir sitzen nun in dem 25–30 Quadratmeter kleinen Zimmer. Zwei Betten, ein Tisch, drei Stühle, TV, eine Kommode, ein eingebauter Schrank, der sich über die komplette rechte Seite des Zimmers zieht – und die kleine Lampe mit goldenem Fuß und leicht vergilbtem Schirm. Ein Glück. Etwas Heimisches ist geblieben.
Anfangs halte ich mein Versprechen und besuche die beiden so häufig wie möglich. Wir sitzen nicht mehr so lange zusammen, aber regelmäßig.
Ich habe zu der Zeit noch keinen Führerschein, und der Weg, das Heim mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, ist jetzt etwas komplizierter für mich als vorher.
Sie freuen sich immer über Besuch, doch es ist anders als zuvor. Ich spüre, dass etwas erloschen ist. Ein bisschen Lebensfreude. Oma war immer selbstbestimmt. Hatte eine gute und recht hohe Anstellung bei der Stadtsparkasse in Wülfrath. Darauf war sie auch zu Recht sehr stolz.
„Ich habe ja Geld verdient, und das gar nicht schlecht. Ich brauchte nicht zu heiraten.“
Geheiratet hat sie dann irgendwann dennoch. Aber das ist eine andere Geschichte.
Plötzlich nur noch ein kleines Taschengeld zu erhalten, weil die eigene Rente mit den Kosten des Heims verrechnet wird, muss sich wie Ohnmacht angefühlt haben. Fremdbestimmt. Kontrollverlust. Schrecklich.
Auch Tante Martha baut stark ab. Kann den Gesprächen kaum noch folgen.
Für Omi ist das zusätzlich eine schwer zu begreifende Realität.
In den kommenden Wochen und Monaten rufe ich alle paar Tage an.
„Moment!! Ich muss erst den Fernseher leise schalten … sonst hör ich nix!! Momentchen mal … Sekunde!!!“
Ich höre, wie schwer sie dabei atmet, voller Eile und in offensichtlicher Panik, dass das Telefonat abbrechen könnte oder ich vielleicht auflege. Ich muss grinsen. Das hat sich zumindest nicht verändert.
„Ha, ha-hallo?? Noch da?“
„Ja, natürlich bin ich noch da 🙂 Wie geht es euch? Was macht das Täntelchen?“
„Och joa, janz jut soweit … aber die Martha, die wird hier immer im Rollstuhl rausgeschoben, und dann seh ich die den halben Tag nicht mehr. Weiß ich nicht, was die mit der machen …“
Ich muss wieder hin und mir das anschauen. Da stimmt doch was nicht.
Eilig stiefele ich den langen Flur hinunter Richtung Zimmer 401.
Auf halber Strecke befindet sich links ein kleiner Erker mit Tischen und Stühlen, Wasser und Kaffee. Erinnert an ein offenes Wartezimmer. Dort halte ich inne.
Tante Martha sitzt in einem Rollstuhl an einem leeren Tisch, den Kopf geneigt, abgestellt vor einer Wand.
„Täntelchen??“
Sie strahlt. „Hach, Mädchen. Ist das schön …“
„Warum sitzt du hier? Und warum hat man dich vor einer Wand abgestellt?“
Sie zuckt mit den Schultern. Dreht Däumchen.
Was ist das hier? Mir schießen vor Wut Tränen in die Augen. Ich hasse diesen Ort!
Wieso kann ich nicht reich sein, ein großes Haus besitzen und die beiden zu mir holen?
Im November 2015 schließt Täntelchen ihre Augen für immer.
Oma Marianne folgt ihr im August 2018.
Das macht mich so traurig :-(
AntwortenLöschen