Kapitel 4 - ein verborgenes Vermächtnis..
„Großeltern. Ein bisschen Eltern, ein bisschen Lehrer und ein bisschen beste Freunde.“
Trifft nicht immer zu. Auf mich aber schon.
Dezember 2018
Ich stehe in meinem Wohnzimmer und fühle mich leer. Mir tut alles leid. Die letzten Jahre waren nicht mehr schön. Lieber wären beide doch einfach zu Hause, in ihren Betten und im Schlaf verstorben. Warum noch dieses Heim? Es war also doch die Endstation.
Ich schaue mich um. Auf dem Teppichboden in der Mitte meines Wohnzimmers stehen drei Dinge:
Ein großer Schuhkarton mit alten Fotos.
Eine kleine Lampe mit vergoldetem Fuß und vergilbtem Schirm
und
ein kleiner Koffer mit Briefen.
Irgendwie seltsam. Drei Dinge sind mir geblieben. Drei.
Mein Kopf steckt voller Erinnerungen und selbstverständlich ist so etwas das größte Gut, aber dennoch: Drei Dinge aus einem ganzen Leben. Lächerlich.
Ich trauere auch nicht darum, dass ich wenige Habseligkeiten erhalte, sondern darum, dass am Ende so wenige Dinge von einem Menschen übrig bleiben.
Aber es heißt ja: Du bist nackt gekommen und wirst nackt gehen.
Ich schalte die Deckenleuchte aus und knipse die kleine Lampe an.
Ich öffne den kleinen Koffer. Eine vielfach gefaltete, sehr verknitterte (weiße) DIN-A4-Seite liegt oben auf.
Der transkribierte Brief von Willi. In Schriftgröße 24. Darunter befindet sich ein kleiner Umschlag aus dem Jahre 1942 mit dem Originalbrief.
Das ist ja ewig her.
Bestimmt haben die beiden das Transkript immer mal wieder herausgeholt und sich gegenseitig vorgelesen. Zumindest weist der Zustand darauf hin. Och je. Mir kullern einige Tränchen runter.
Darunter befindet sich ein ganzer Stapel … aber die Schrift ist anders.
Adressiert sind sie auch an die Moltkestr. 4 – aber da stehen noch Buchstaben und Ziffern. Andere als auf Willis Brief.
Die sind von Dolf.
Definitiv. Ich versuche mein Bestes. Ein bisschen muss ich doch entziffern können. So ganz schwierig kann das nicht sein.
„Soldat Preußner“ – 23166 IC
Ich kann nur den ersten Abschnitt entziffern:
O.U., den 23. Januar 41
Ihr Lieben daheim!
Ist Willi zu Hause? Eben erhielt ich einen Kartenbrief von Mütterlein und gestern einen Brief. Selbstverständlich kaufe ich etwas für meine Lotte, das ist doch klar wie dicke Tinte …
Endlich! Es kullern erneut Tränen – diesmal vor Freude!
Ich blättere weiter und bin mir sicher, dass alle nachfolgenden Briefe von ihm sind.
Hätte er nicht nach Willi gefragt, wäre er allein durch seinen Wortlaut aufgefallen.
Ich hab' ihn gern. Keine Ahnung warum.
Aber wer ist Lotte? Der Name sagt mir überhaupt nichts. Er spricht aber von "seiner" Lotte. Eine Freundin? Eine Verlobte?
Ich bin auf einmal wieder hellwach und auf Kurs.
Wenn ich "nur" diesen Koffer mit den vergilbten Briefen habe, ...wenn das alles ist, was mir bleibt - dann muss ich was daraus machen!
Das bin ich den Omas schuldig.
Und Dolf irgendwie auch.
---> weiter zu Kapitel 5: Lotte
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