Kapitel 5 - Lotte

Die Briefe müssen nun erst einmal sortiert werden.

Behutsam ziehe ich den Brief aus dem ersten Umschlag, entfalte ihn und lege ihn vorsichtig in eine Klarsichthülle. Den zugehörigen Umschlag schiebe ich dazu. Jeder Brief ist mit einem Feldpoststempel datiert, und selbst wenn dieser teilweise verblasst ist, lassen sich zumindest Monat und Jahr noch gut ablesen.

Ein Stapel für Dolf, einer für Willi und einer für die Briefe, die ich niemandem zuordnen kann.

Dolfs Stapel füllt sich. Willis bleibt fast leer. Ein einziger Brief. Nur der, den ich vor Jahren bereits transkribieren ließ. Seltsam. Beide Brüder sollen doch so regelmäßig nach Hause geschrieben haben, und alles wurde in diesem kleinen Koffer aufbewahrt. Vier bis fünf Briefe lassen sich nicht zuordnen. Die Handschriften stammen weder von Dolf noch von Willi – nun gut. Dieses Rätsel lässt sich heute wohl nicht mehr lösen.

Ich nehme mir Dolfs ersten Brief zur Hand. 12.11.1940. Der erste Brief von der Front.

Ein letztes Mal versuche ich, den Text selbst zu lesen, gebe jedoch schnell auf. Er hatte wirklich eine Sauklaue – und dann auch noch diese Sütterlinschrift. Keine Chance. Ich überlasse das den Experten und recherchiere im Internet.

Eine freundliche Dame bietet auf einer Homepage ihre Transkriptionsdienste an. Günstig ist das nicht, aber es klingt seriös. Ihr Vorname lautet Margarethe, und vor meinem geistigen Auge erscheint automatisch das Bild einer älteren Dame.

Ich schreibe ihr und erhalte zu meiner Verwunderung schnell eine Antwort. Scans würden ausreichen; eine Seite transkribiert sie kostenfrei als Probe, und wenn ich zufrieden sei, berechne sie 0,30 Euro pro Wort.

„Ui. Das wird langfristig teuer“, denke ich mir. Nun gut.

Ich scanne zunächst drei Briefe ein und sende sie ihr. Die ersten drei. Vom 12.11., 18.11. und 22.11.1940.

Hoffentlich dauert das nicht zu lange …

Ungeduldig, wie ich bin, muss ich mich in der Zwischenzeit irgendwie anderweitig beschäftigen.

Wenn die Verbindung zwischen Dolf und Lotte so tief war, dass er sie in seinen Briefen erwähnt, dann müsste sie doch auch auf einem Foto von damals zu sehen sein …

Ich nehme mir den großen Schuhkarton vor und durchsuche seinen Inhalt.

Viele winzige Schwarz-Weiß-Fotos im Passfotoformat. Darauf sind Soldaten zu sehen. Manchmal trainieren sie, salutieren oder posieren vor großen Gegenständen wie Panzern, Sehenswürdigkeiten oder einem Zeltlager im Hintergrund. Fotos von der Front. Das interessiert mich im Moment nicht.

Weiter unten werden die Fotos größer und persönlicher. Porträts aller vier Geschwister – darunter das prominente Familienfoto mit Dolf in siebenfacher Ausfertigung und zwei Originale ohne ihn. Schön, aber die kenne ich schon.

Dann tauchen einige teils unscharfe Schnappschüsse auf.

Drei Frauen posieren mehr schlecht als recht vor einem Kirschbaum. Die beiden Frauen links im Bild kenne ich nicht, ganz rechts steht Oma Marianne. Ich drehe das Foto um: „September 1940“.

Auf dem nächsten Foto erscheinen wieder die beiden unbekannten Frauen, diesmal jedoch zusammen mit zwei Männern. Einer der beiden trägt Uniform, der andere einen Anzug – der Mann im Anzug ist Dolf. Er hält eine der jungen Frauen halb im Arm. Ist das Lotte? Leider ist das Foto zu unscharf.

Ich stöbere weiter und … tatsächlich! Ich halte ein wirklich schönes Foto in den Händen, das ein offensichtlich sehr vertrautes Paar zeigt.

Das muss sie sein.
Lotte.







                                                                                                                                                                          










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