Kapitel 2 - Willi

Düsseldorf, 2011

Wir sitzen im Wohnzimmer meiner beiden "Omas". 

Wie immer ist es viel zu warm in der Wohnung – aber gemütlich.

Wenn Besuch kommt, werden genau zwei Lampen angeknipst: die Stehlampe neben dem großen Sofa und eine kleinere mit vergoldetem Fuß und einem leicht vergilbten Schirm, die auf dem Tisch neben dem Fernseher steht. Ich mag diese Lampe. Sie hat den Umzug von Wülfrath nach Düsseldorf überlebt – wie viele andere Möbelstücke auch –, aber an sie erinnere ich mich seit meiner frühesten Kindheit.

Oma brauchte immer schon mehrere Anläufe, um den Schalter dieser Lampe anzuknipsen, und wollte sich dabei auch nie helfen lassen. Auf eine Art hat sie dadurch einen emotionalen Wert für mich bekommen.

In dieser gemütlichen Atmosphäre, mit den richtigen Lichtverhältnissen, auf die beide so viel Wert legen, sitzen wir nun da, und ich höre den Geschichten über Dolf zu. Zum ersten Mal ganz bewusst.

Oma Marianne und Dolf hatten eine ganz besondere Verbindung zueinander. Zwei Jahre Altersunterschied trennten die beiden. Wie Pech und Schwefel waren sie.

Wo Tante Martha in der geschwisterlichen Hierarchie steht, wird mir nicht ganz klar. Sie ist das Küken. Zehn und acht Jahre trennen sie von ihren Brüdern, drei Jahre von ihrer Schwester.

Als Willi und Dolf eingezogen wurden, war sie noch ein Grundschulkind. Vieles weiß sie sicherlich auch nicht mehr.

Sie strahlt dennoch, wenn Omi von den Brüdern erzählt. Beide strahlen – aber Omi lacht jedes Mal ganz laut und klatscht dabei in die Hände. Sie lacht Tränen.

Wie gern hätte ich ihn kennengelernt. Beide Brüder – aber Dolf hat Eindruck hinterlassen. Zumindest bei meinem 24-jährigen Ich.

Nun möchte ich den Inhalt des kleinen Koffers begutachten. Oma überreicht ihn mir, und ich öffne ihn. Ein muffiger Geruch.

„Soldat Preußner“ – eine sechsstellige Nummer und ein Datum.
Adressiert an: Otto Preußner, Moltkestr. 4 / (22a) Wülfrath / Rheinland – Bezirk Düsseldorf.

Ein Brief von der Front.

Sorgfältig ziehe ich das poröse Papier aus dem Umschlag und versuche zu lesen. Sütterlin. Mist.

Omi sucht Brille und Lupe, dreht sich stirnrunzelnd Richtung Lampe – aber vergebens.

„Dolf hatte aber auch eine Sauklaue …! Martha, kannst du das lesen?“

Tante Martha versucht es. Sie entziffert einige Zeilen, aber nicht den ganzen Brief.

Das ärgert beide. Jetzt, da ich endlich Interesse zeige, möchten sie mir den Brief unbedingt vorlesen können.

Sie tun mir leid.

Ich frage, ob ich mir den Brief ausleihen darf, und verspreche, ihn zu hüten wie ein Ei.

Jemand wird diesen Brief lesen können, da bin ich mir sicher.

Also fahre ich an diesem Novemberabend hoch motiviert nach Hause.
Eine kleine Heldentat muss ich vollbringen – das ist meine Mission...

                                                                                                                                                                         


Ungeduldig sitze ich am nächsten Tag bei den Großeltern meines damaligen Freundes. 

"Ja sicher kann ich dat lesen, jib' her..", sagt Opa Theo.

Er liest vor und ich tippe ab:


"Liebe Mutti,

heute am 1. Weihnachtstag will ich Dir einige Zeilen schreiben.

Gestern, am heiligen Abend, war ich in Gedanken bei euch. Im Geiste habe ich euch alle am Weihnachtsbaum gesehen. Ich selbst habe auch einen schönen heiligen Abend verlebt. Bin gestern im Sturm mit dem Kompaniepersonenauto, mit dem Chef und einem als Weihnachtsmann verkleideten Kameraden, von Bunker zu Bunker gefahren und habe die an der Atlantikküste eingesetzten Kompanienangehörigen mit den Geschenken, die wir trotz des Krieges noch reichhaltig hatten, betreut.

Es war in den Bunkern so traulich und schön, dass ich oft an die Weihnachten zu Hause denken musste.

5 km vor dem letzten Bunker bekamen wir eine Radpanne. Wir mussten uns zu Fuß und im Sturm und Nass der Ozeanwellen vorwärts kämpfen.

Der Sturm hat uns bald hinweggefegt.

Aber als wir dann durchnäßt bei unseren Kameraden im Bunker ankamen und die strahlenden Gesichter sahen, dass wir trotz Sturm und Panne noch gekommen waren, da war es für uns eine Genugtuung.

Es war so schön, im Kreise der Kameraden. Am Abend waren wir dann beim Kompaniegefechtsstand und haben gefeiert. Ich habe mich sehr über alles gefreut. Es hat mich sehr viel Arbeit und Mühe gekostet und wurde auch dafür belohnt, dass alles geklappt hat und ein Jeder dankbar an dieses Weihnachtsfest 1942 gerne zurückdenken wird.

Wir Alten, die Russland noch mitgemacht haben, haben an das verflossene Fest gedacht, wo wir in Eis & Schnee lagen. 

Wir danken unserem Herrgott, dass er uns dieses Fest 1942 heller und lichter feiern ließ.

Wollen wir hoffen, dass auch das Jahr 1943 die Sonne für uns scheinen lässt und wir einer guten Zukunft entgegen sehen dürfen.

Heute denke ich dankbar an meine Kindheit zurück, wo meine liebe Mutti und mein Vater für uns sorgten und für uns den Lichterbaum anzündeten.

Gestern habe ich an dich, liebes Mütterlein, dabei gedacht.

Dir sei umstehend Gedicht gewidmet in Dankbarkeit und Treue von deinem dankbaren Sohne von der Atlantikküste.

Liebe Mutter,

jetzt bist du mir so fern, dass kaum die Sehnsucht ihre Brücken schlägt und dich mit mir in fremde Nacht mit Rufen bindet.

Und doch hör' ich im Lärm der Nacht dein Flüstern noch, mit dem du mich in die Gebete verwebst.

ich weiß, du hältst mich an der Hand - und lebst!

Und führst mich auch zurück, dass ich im fremden Land nicht frierend irre und vom Wege gleite.

Ich fühle immer deine treue Hand.

Nun liebe Mutti, will ich für heute schließen. Ich wünsche euch nochmals recht frohe Weihnachten und glückliche Feiertage und ein gutes neues Jahr.

Herzliche Grüße an euch alle!

Euer Willi


"Willi?" -

"Ja, da steht Willi.."

ich bin irritiert. War ich doch so fest davon überzeugt einen Brief von Dolf genommen zu haben. Egal.

Schriftgröße 24 - das sollte reichen. 

Oma Marianne und Tante Martha werden sich so sehr freuen! 

Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass es sich um den einzigen noch vorhandenen Brief des ältesten und 1945 verschollenen Bruders Willi handelt. 

Zuletzt gesichtet in Breslau.

In einem fremden Land, das von eisiger Kälte umschlungen war.




---> Weiter zu Kapitel 3: Abschied von meinen Omas





                                                            




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