Kapitel 15 - ein stiller April
Den Inhalt der Briefe muss ich erst einmal sacken lassen.
Oft muss ich lächeln, weil er tatsächlich so schreibt, als würde er ganz selbstverständlich mit seinen Eltern plaudern. Neugierig, aber auch etwas eifersüchtig auf das, was Lotte wohl treibt. Das ist ja auch gut nachvollziehbar.
Und der Größenvergleich.. er sei einen Zentimeter gewachsen, was auch höchste Zeit wurde.
Wächst man denn in dem Alter noch? Naja, er glaubte daran. Ist doch schön.
Mit erneutem Blick auf das gemeinsame Foto der Beiden, verstehe ich ihre leicht geduckte und seine strammstehende Körperhaltung wesentlich besser...ein wenig "größer" zu sein als Lotte, war ihm wichtig.
Ich frage mich immer wieder, wie es sich damals angefühlt haben muss, niemals zu wissen, wann oder ob der nächste Brief ankommt. Aus heutiger Sicht - unvorstellbar.
Dann liegt sie zudem auch noch im Krankenhaus - vermutlich mit einer Blinddarmentzündung. Er ist ganz verunsichert. Wie hilflos er sich gefühlt haben muss.
Gleichzeitig schockiert mich seine Wahrnehmung dieses vermeintlichen „Abenteuers“, das er da erlebt. Für ihn ist es eine Weltreise. Aus seiner damaligen Perspektive kann ich das sogar verstehen.
Und dann wiederum werde ich traurig, wenn ich von diesen barbarischen Umständen lese. Dass er hochkrank noch kilometerweit durch die Gegend gescheucht wird, weil man glaubt, er wolle sich drücken.
Schlimm.
Dass er trotz offensichtlich hohen Fiebers dort sitzt und an seine Familie schreibt, bricht mir das Herz. Diese Briefe müssen alles für ihn gewesen sein.
Und doch entsteht mit jedem Wort ein klareres Bild von ihm in meinem Kopf. Vieles daran ist überraschend alltäglich und zeitlos nachvollziehbar.
- „Zum Ausgehen langt mein Gehalt nicht, also spiele ich Fußball.“ -
Man könnte ihn eins zu eins in unsere heutige Zeit versetzen.
Natürlich irritiert mich auch die beiläufige Erwähnung, dass meine Oma eine „Klöngelei“ mit einem Herbert aus Hamburg gehabt haben soll. Mein Opa hieß jedenfalls nicht Herbert. Interessant.
Die Kladde des Monats April ist leer. Keine Briefe.
Ab Mai geht es weiter – allerdings nur noch für eine recht kurze Zeit.
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