Kapitel 9 - eine Suche beginnt
Lotte erkenne ich inzwischen auf einigen Fotos wieder. Sogar auf einem, das mir seit Jahren bekannt ist. Sie ist mir jedoch nie aufgefallen – oder ich habe ihr zumindest keine Beachtung geschenkt. Auf diesem Foto ist die gesamte Familie abgebildet.
Es handelt sich, so nehme ich an, um den Hochzeitstag meiner Urgroßeltern.
Bei heutiger Betrachtung fallen mir mehrere Dinge auf:
Dolf trägt einen Anzug – denselben, den er auch auf den Schnappschüssen aus dem September 1940 trägt, etwa zwei Monate vor seinem Einzug.
Lotte trägt ebenfalls dasselbe Kleid, ebenso wie meine Oma. Ich vergleiche das Foto mit den Schnappschüssen: Alles ist identisch.
Vielleicht handelt es sich also gar nicht um ein Jubiläum oder einen Geburtstag. Vielleicht ist es ein Abschied. Dolfs Verabschiedung in den Krieg.
Zeitlich würde das passen. Seine ersten Briefe schreibt er im November 1940 aus Hamm, die Bilder sind im September zuvor entstanden. Für mich ergibt das Sinn.
Es würde zumindest den ernsten, nachdenklichen Blick meines Urgroßvaters erklären – ebenso wie das gezwungene Lächeln meiner Urgroßmutter.
Willi befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits an der Front. Nun soll auch der jüngere Sohn folgen.
Den Ersten Weltkrieg haben sie bereits erlebt. Sie wissen, wie es ausgehen kann.
Dolf und Lotte wissen das noch nicht.
Ich muss also herausfinden, wer Lotte war.
Mein Blick bleibt an dem Namen „Göpfers“ hängen.
Ich frage in der Verwandtschaft nach. Niemand hat je von einer Lotte gehört. Auch der Name „Göpfers“ oder „Göpfer“ sagt niemandem etwas. Mist.
Handelt es sich um Gastwirte, die ihre Räumlichkeiten für private und öffentliche Feiern zur Verfügung stellten? Oder ist es Lottes Familie?
Nun leben meine Omas – die einzigen beiden Menschen, die ich dazu hätte befragen können – nicht mehr. Ich ärgere mich, dass ich davon nicht früher erfahren habe.
Was mache ich jetzt?
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