Prolog
Ich bin im Juli 1987 auf die Welt gekommen und sitze im Jahr 2011 bei Omi auf dem Sofa. Zum ersten Mal frage ich sie ganz bewusst nach ihren persönlichen Erfahrungen aus der Kriegszeit.
Sie kam im Mai 1922 zur Welt, hat den Krieg also sehr bewusst erlebt und ihre älteren Brüder viel zu früh verloren. Das wusste ich. Porträts der beiden „Jungs“ hingen in der ganzen Wohnung. Auch ein Familienfoto. Auf einem sind fünf Personen zu sehen, auf dem anderen sechs.
Merkwürdig, denke ich mir, und frage nach:
„Omi, warum gibt es ein Bild, auf dem ihr alle drauf seid, und auf dem anderen fehlt Dolf?“
Es gab offenbar bereits in den 1940er-Jahren so etwas wie „Photoshop“. Adolf, der liebevoll – und aus heutiger Sicht glücklicherweise – „Dolf“ genannt wurde, lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr und wurde nachträglich „reingeschnitten“.
Überrascht bin ich von dem, was ich da sehe und höre. Mir war neu, dass es diese Technik damals schon gab.
Omi (Marianne) lebt zu dieser Zeit mit ihrer jüngeren Schwester Martha (geb. 1925) in einer Wohnung in Düsseldorf-Kaiserswerth. Gebürtig stammt die Familie aus Wülfrath – seit Generationen.
Im hohen Alter wollten sie ganz nah bei uns sein und sind Mitte der 1990er-Jahre nach Düsseldorf gezogen.
Ich habe meine beiden „Omas“, wie ich sie liebevoll nannte, häufig besucht und rieche bis heute Milchreis, Grießbrei und Spätzle, wenn ich an die beiden denke. 🙂
Aber Omas haben eben auch eine Vergangenheit – hinterfragt habe ich das nie. Der Opa starb schon lange vor meiner Geburt; Omi und Tante Martha waren, seit ich denken kann, eine Einheit. Es gab Brüder … aber die kannte ich ja nicht. Egal.
An diesem einen Tag sitze ich nun da – 24-jährig – und mir wird plötzlich bewusst, dass beide ihre älteren Brüder verloren haben. Und das unglaublich früh. Dass das doch wahnsinnig schmerzhaft gewesen sein muss.
Soldaten fallen im Krieg; das ist normal. Der Zweite Weltkrieg wird bei uns staubig in der Mittelstufe unterrichtet, und wir damaligen „Jünglinge“ scheren uns nicht darum. Betrifft uns ja nicht. Vergangenheit. Wir identifizieren uns nicht mehr damit. Langweilig.
Aber sie erzählt immer von den beiden Brüdern. Jedes Mal.
„Hach, der Willi (geb. 1915) … was war das ein feiner, diplomatischer Kerl. Ich wüsst doch schon gern, was damals passiert ist. Der ist ja verschollen im Krieg. Unsere Mutter hat lange an das Deutsche Rote Kreuz geschrieben … man weiß ja nichts … die finden nichts …“
Und Dolf?
„Ach“, sagt sie – und lacht fast unter Tränen –, „der Dolf war der fröhlichste Mensch, den ich je erlebt habe. Er hat mal einen Fußball durch unser Fenster geschossen. In der Hoffnung, er könne Mutter besänftigen, hat er ein Gedicht geschrieben:
‚Mutti, mach dich doch nicht verrückt –
Scherben bringen Glück!‘
"Mutti war natürlich nicht böse."
„Was der eine charmante, lustige Art hatte. Ach, der war ja ohnehin so ein Schürzenjäger … die liefen dem ja alle hinterher, und er wollte von niemandem was wissen. Guuut sah der aus … jahaaa! Das kann ich dir aber sagen, du! Hat immer gesagt, er sei noch ein Jüngling, wolle sich nicht festlegen … was gab es damals Theater bei uns … um Himmels willen … hab ich nicht recht, Martha?“
Und Tante Martha sitzt zustimmend nickend und grinsend in ihrem Sessel und dreht Däumchen – das hat sie immer getan. Einen lieberen Menschen als „Täntelchen“ gab es nicht.
Nun bin ich neugierig und möchte wissen, was damals alles passiert ist.
Der älteste Bruder Willi hatte beispielsweise einige Briefe geschickt – immerhin bis 1945. Plötzlich verliert sich die Spur irgendwo in Breslau, und theoretisch (Stand 2011) hätte er ja sogar noch leben können: verwundet im Krieg, Gedächtnis verloren, irgendwo untergekommen – so dachte ich.
„Ich muss meine Oma und Tante Martha glücklich machen. Stellt euch vor, ich finde Onkel Willi.“
Bahnbrechend wäre das gewesen.
Inzwischen war das DRK schon recht weit und konnte mir einige Wochen später eine detailreiche Dokumentation über den möglichen Verbleib von Willi zusenden. Am Ende: kein Ergebnis. Willi muss gefallen sein. Irgendwo in Breslau – im Schnee – hoffentlich nicht ganz einsam, allein und verzweifelt.
Es gab aber ja auch noch Dolf. Was ist denn mit ihm passiert?
Und sie wird ruhig. Leise. Hat Tränchen in den Augen – genau wie Tante Martha auch. Sie steht auf, holt ein kleines Köfferchen aus dem Schrank und öffnet es.
Darin befinden sich Dutzende vergilbter Briefe. Alle von ihm.
Von Adolf „Dolf“ Preußner.
Und die Geschichte, die ich gerne erzählen möchte, beginnt …
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Meine Mutter und ich haben ein paar Jahre bei Marianne und Tante Martha (ja, ich durfte sie so nennen) in Wülfrath gewohnt. Die beiden waren die liebsten Menschen, die ich je kannte. Wir haben uns gut verstanden, sogar Silvester zusammen gefeiert und wir hatten viel Spass zusammen. War eine schöne Zeit :-) Damals lebte Jumbo noch. Eigentlich habe ich Angst vor grossen Hunden, aber Jumbo war so gutmütig und brav.
AntwortenLöschenwirklich? Das ist ist ja spannend! Von Jumbo wurde auch viel gesprochen..zu ihm werde ich auch noch einen kleinen Post veröffentlichen..:)
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