Kapitel 12 - Die Familie
Viele Namen tauchen in Dolfs Briefen auf.
Ein mysteriöser „Groß“, ein Onkel Willi und eine Erni. Bei Letzterer handelt es sich offenbar um die Verlobte von Bruder Willi. Aber Onkel Willi? Und wer ist „Groß“?
Dolf hat ganz offensichtlich eigene Spitznamen für seine Familienmitglieder erfunden. Das „Mützken“ kann ich mir erklären, doch „Groß“ erscheint mir seltsam. Vollends irritiert mich, dass es offenbar auch noch einen Onkel namens Willi gab.
Ich greife nach dem großen Schuhkarton, in dem sich neben Fotos auch schmale Ledereinbände befinden, denen ich bislang kaum Beachtung geschenkt habe.
Stammbücher.
Ich tauche ein und beginne sofort, einen digitalen Stammbaum zu erstellen, um den Überblick zu behalten.
Der „ewig kautabakkauende Vater“ heißt Otto, beziehungsweise Otto Friedrich Wilhelm Preußner, geboren am 27.10.1890 in Wülfrath.
Aufgeführt sind noch drei weitere Geschwister: Ernst Robert, geboren 1900; ein Wilhelm, geboren 1903; sowie eine Martha – ohne Datum. Eine stille Geburt.
Plötzlich erinnere ich mich dunkel daran, dass mein Großtäntelchen Martha einmal sagte:
„Die Eltern wollten so gerne noch einmal eine kleine Martha haben. So hat man mich nach ihr benannt.“
Ich war wohl immer davon ausgegangen, dass ihre Eltern irgendwann ein Kind verloren hatten und das zuletzt Geborene nach ihr benannten. Dabei handelte es sich um eine verstorbene Schwester des Vaters. Jetzt verstehe ich.
Über Otto selbst ist mir zu Lebzeiten meiner Omas nicht viel überliefert worden. Ein gütiger Mensch muss er gewesen sein. Ein toller Papa. Einer, der gerne und viel qualmte – und aß. Ein Lebemann. Im besten Sinne.
Seine Frau Auguste erblickt am 22. Juli 1889 in Neviges das Licht der Welt.
Auch ihr Stammbuch liegt mir vor.
Eine geborene Meyer. Sie hat fünf weitere Geschwister, von denen außer ihr nur zwei das Erwachsenenalter erreichen.
Otto und Auguste heiraten am 5. März 1915 in Wülfrath. Wie und wo sie sich kennen- und lieben lernten, weiß ich nicht.
Insgesamt folgen vier Kinder, die sich zunächst bester Gesundheit erfreuen und das Erwachsenenalter erreichen:
Willi, Adolf, Marianne und Martha.
Ich erinnere mich an Erzählungen meiner Oma:
„Die Mutti war ihrer Zeit sehr voraus. Streng konnte sie sein, aber nie ungerecht. Nachdenklich war sie – hab ich nicht recht, Martha?“
Martha nickt.
„Ach, sie war überhaupt so eine Seele. Sie hatte den siebten Sinn, Kindchen. Ich sag’s immer wieder. So voller Sorge war sie ständig. Wir verstanden das als Kinder ja nicht.“
Ich betrachte ihre Fotos. Eigentlich schaut sie auf allen gleich.
Ängstlich.
Als hätte sie etwas geahnt.
Randnotizen:
Bruder "Willi" heißt eigentlich Hermann Wilhelm Preußner, wird aber Willi genannt - wie besagter Onkel.
Bei "Groß" handelt es sich offenbar um eine befreundete Familie mit Nachnamen "Groß".
"Erni" heißt vermutlich Erna und ist die Verlobte von Bruder Willi.
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