Kapitel 13 - Februar 1941 - Krankheit, Gedichte & Heimweh - Briefe: 12-18

Frankreich, 1. Februar 1941

Liebe Eltern, Geschwister und Erni - falls sie schon da ist!

Gestern bekam ich wiedermal einen Brief von meinem Mütterlein. Mein Mütterlein ist sehr pünktlich mit dem schreiben. Und auch sehr ehrgeizig, Sie will nicht das ich mehr schreibe wie Sie. Eben habe ich für Lotte ein Päckchen abgeschickt mit den Sachen die Mutter mir gewaschen hatte. Ja Mütterlein, Du sorgst nicht nur für Deine Kinder sondern auch für Deine “Schwiegerkinder!”

Was macht denn mein großer Bruder so, fühlt er sich denn wohl als Zivilist? Der kann gut lachen mitsamt meiner Schwägerin. Die schwelgen jetzt im Glück.

Aber ich bin Gönner und habe Verständnis für die Liebelei. Bin ja genauso ein “Verliebter Lümmel”, wie mein großer Bruder. Mit meinem Urlaub das wird wohl zu 99,99% nichts mehr geben. Die Zahl derjenigen, die überhaupt noch fahren, ist so minimal, das ich, wenn das so weiter geht, im Mai dran käme.

Bis dahin ist aber eine lange Zeit und es besteht ja kaum die Möglichkeit das wir noch so lange hier bleiben. Ist mir auch zig egal. Alles hat einmal ein Ende und länger als 30 Jahre hat noch kein Krieg gedauert. Auch ein Trost, nicht wahr! Und wenn ich mal komme, dann habe ich schon ein nettes Stück meiner Dienstzeit rum, das ist auch was wert.

Mir geht es, wie Ihr seht, noch recht gut. Wenn Mutter noch mal ein Päckchen schickt, dann kann Sie mir Schuhwichse beilegen. Mit dem Zeug hier, bekommt man überhaupt keinen Glanz auf die Klamotten und Zigaretten wenn Ihr Euren Sohn wollt retten. Ferner meine Pfeife.

Ich habe nämlich zu Weihnachten von den Jungmädeln einen Tabaksbeutel (voll) mit Reisverschluß bekommen. 

Wenn Mutter mal irgend was braucht, dann muß Sie mir das schreiben, ich möchte mich nämlich gern revanchieren. Nun muß ich schließen, gleich ist Zapfenstreich.

Was meint denn Willi von meiner Schießerei, wenn jetzt Frieden wäre, hätte ich auch bald mal eine Schützenschnur.

Gruß u. Kuß

Euer Julius!

Besonders viele liebe Grüße an Vater Otto, prümpt er noch fleißig? 

Kann nie verkehrt sein!!!


                                                                                                                                                                         


O.U., den 6. Febr. 41

Ihr Lieben daheim!

Vorgestern erhielt ich einen kurzen aber lieben Brief von Mutter in dem Sie mir mitteilte, das mein großer Bruder nun zu Hause ist. Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, ist Willi sicher schon wieder fort. Hier ist ein tolles Wetter, mindestens 30 cm Schnee u. hart gefroren. Ein regelrechtes Winterwetter, also ein Rückschlag.

Ich habe Wache, wir haben 2 Mäntel und Ohrenschützer um und trotzdem friert man sich noch tot.

Ich bin furchtbar erkältet, meine Stimme tut es bald nicht mehr.

Hoffentlich wird das Wetter bald mal anders, sonst muß ich mich krank melden.

Auf unsern Stuben ist es auch mauskalt, sodaß ich mit allem Zeug ins Bett gehe und noch friere.

Ja so ist das Leben, beschissen von oben bis unten. Aber auch das geht vorüber, entschuldigt bitte

den Tintenstrich, aber ich bin so müde, das ich kaum noch die Augen aufhalten kann. Der Kopf fällt mir

andauernd auf den Tisch. Sonst weiß ich nichts neues zu berichten.

Sonntag fahre ich vielleicht nach Paris. Denkt doch bitte an das Päckchen, wo ich Euch von schrieb.

Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von Eurem Adolf.


                                                                                                                                                                          


8. Februar 1941

Liebe Eltern und Geschwister!

Heute ist Samstagabend und ich habe heute und morgen Stubenarrest. Und warum, nur weil ich krank bin wie ein Küken. 

Gestern morgen habe ich mich krank gemeldet. Ich sollte ordentlich Dampfbäder nehmen und Pillen schlucken, meinte der Arzt. Schrieb mich aber dienstfähig. 

Mit 7 anderen machte er es genau so. Weil wir nun in den Augen des Chefs uns vor dem Dienst drücken wollten, mußten wir zur Strafe gestern Nachmittag ein Marsch von etwa 22 km machen u. heute u. morgen Stubenarrest. Ja so geht das hier, wenn man nicht gleich den Kopf unterm Arm hat, ist man auch nicht krank. Ich kann aber kaum schlucken und sprechen und des Nachts huste ich wie ein Wahnsinniger, so das ich kaum ein Auge zu tue. 

Und hier kann man ja auch keine Dampfbäder nehmen, denn wir haben ja nichts, womit wir heizen können. Es sieht ganz beschissen aus. Ich denke ja, wenn das Wetter jetzt besser wird, dann geht die Erkältung auch zurück. 

Ist Willi wieder gut abgedampft? Er tut mir leid, das er Erni nicht mitnehmen konnte. 

Ward Ihr auch auf dem Kompanieball? Lotte schrieb mir davon. 

Wie führt sich eigentlich Lotte so auf in Wülfrath? Ich meine, seht Ihr Sie viel so rumlaufen? Oder ist Sie noch so häuslich wie früher, als ich noch zu Hause war? 

Ja, nun bin ich auch schon bald wieder 5 Monate von Hause fort.

Mit dem Urlaub sieht es miß aus, zumal wir ganz zum Schluß dran kommen. Gestern bekam ich auch vom Ernst Theis mal wieder Post, mit dem schreibe ich mich öfter. Im allgemeinen schreibe ich sehr wenig, es kommt ja doch nichts dabei heraus. Man vergeudet nur Papier und Zeit und ist ja doch immer derselbe Quatsch, den man so hört. Ihr lebt besser wie wir, darauf könnt Ihr Euch verlassen. 

Nun komme ich zum Schluß und grüße Euch aus weiter Ferne.

Euer Sohn u. Bruder

Adolf


                                                                                                                                                                         


Frankreich, den 9.2.41

Ihr Lieben daheim!

Es grüßet Euch aus weiter Ferne

der Dolf den Ihr alle habt so gerne!

Wir lassen uns nicht unterkriegen

wenn sich auch alle Balken biegen!

Wo ich so gute Freunde hab

die mir beistehn mit Rat und Tat!

Ich verkehr Sonntags nur in Uffz. Kreisen

die mir gute Freundschaft erweisen!

Ich verstehe das Kind schon zu schaukeln

und allen etwas vorzugaukeln!

Für den Kameradschaftsabend ich eine lustige Zeitung schrieb

bei deren verlesen kein Auge mehr trocken blieb!

Wenn das so weiter geht ein paar Woch

werd ich ein großer Dichter noch!

Ich mache Euch zu Hause Ehre

wie wenn ich ein alter Soldat schon wäre!

Hoffentlich kommt bald ein Päckchen angerollt

Sonst Euer Dolf mal heftig schmollt!

Seid Weihnachten ich erst 1 Päckch bekam

seit Ihr denn in Deutschl. alle so arm!?

Auch Müzzi mir keinen Schinken mehr schickt

Ich bin auf Sie richtig verzickt!

Sonst kamen Päckchen noch u. noch

Jetzt ist es aus, warum das doch?!

Zumal es sehr viel Marmelade hier gibt

Ich oft mächtigen Kohldampf schieb!

Nun aber genug mit der Dichterei

Leer ist meine Gehirnerei!

Gleich werden wir ins Kino gehn

Da bekomm ich nochmal was aus Deutschland zu sehn!

Nun seid gegrüßt viel 1000 mal

bis zu einem andern mal.

Euer Adolf


                                                                                                                                                                         

Frankreich, den 12.II.41

Liebe Eltern u. Geschwister!

Gestern abend brachte mir ein Kamerad die Post zur Wache. In der letzten Zeit habe ich wenig Post bekommen, nicht nur von Euch, das ist ja verständlich, wo Willi da war, nein auch so bekam ich nichts. Sogar Lotte schrieb so wenig.

Gestern abend also erhielt ich einen langen Brief vom Mutterken, vom Müzzilein, von Tante Änne und von Willi! Es freut mich ganz besonders, das ein Päckchen unterwegs ist, denn damit habe ich beim Komiß scheinbar kein Glück. 

Nun hat Willi seinen Urlaub auch schon wieder um und ich habe Ihn noch vor mir, falls ich Ihn überhaupt

bekomme. Es sind noch nicht viele die fort sind. Wenn der fahrende Prozentsatz so gering bleibt und nicht

mal erhöht wird, was wir ja alle hoffen, dann komme ich nicht mehr.

Na ja, das schlimmste wäre das ja nun auch nicht, bis Weihnachten werde ja sicher mal zu Hause gewesen sein. Und verloben kann ich mich mit 50 Jahren noch.

Vor einigen Tagen bin ich mal wieder in Paris rumgestrolcht. Eine tolle Stadt ist das. Ich werde viel von Paris erzählen können, wenn ich mal nach Hause komme. 

Gestern fanden wir hier englische Flugblätter in französischer Sprache, die an die franz. Bevölkerung gerichtet waren. Das wird dem Tommy bald vergehen. 

Sonst fühle ich mich wieder Sauwohl, denn das Wetter ist umgeschlagen. Es ist richtig Frühling, nur das die Sonne noch ein bischen streikt. Bei so einem Wetter fühle ich mich am wohlsten, dann kann ich wieder alles essen und der Stuhlgang geht regelmäßig. Mit den Strümpfen das werde ich bald besorgen. 

Nun komme ich zum Ende meiner Weisheit und schließe mit den wärmsten Empfehlungen.

1000 Grüße sendet Euch Euer

Sohn u. Bruder Adolf


                                                                                                                                                                          

ohne Datum

Liebe Eltern u. Geschwister!

Ich sitze auf Wache um an Euch meine Lieben zu schreiben. Wir haben heute morgen einen 30 km Marsch gemacht. 30 Min. sind wir unter der Gasmaske marschiert zwischen durch einige 100 m im Achtungsmarsch. Ja es geht hier stramm rum, der deutsche Soldat schläft nie. Ich habe mich im Anfang immer so bange für einen Marsch gemacht, aber nun nicht mehr. Meinetwegen könnten wir jeden Tag so einen Marsch machen.

Und was für Klamotten wir alle am Leibe tragen dabei. Spaten, Seitengewehr, Brotbeutel, Feldflasche, Zeltbahn, Gasmaske. Ferner bin ich Maschinengewehrschütze, wir sind mit 3 Mann. 2 Munitionskästen, 1 Munitionstrommel, 1 Gewehr, 1 Ersatzlauf mit Behälter und das Maschinengewehr, was ungefähr 30 Pfd. wiegt. 

Das kann ich Euch sagen, kaputt kriegen die mich nie, da muß es schon noch viel schlimmer werden. Morgen ist wieder eine große Kompanieübung. Der Dienst ist sehr schwer, denn im März haben wir eine Besichtigung. Danach wird es wohl besser werden. 

Vorgestern bekam ich von Lotte ein Päckchen mit Zigaretten, Wurst und Hustenbonbons. Es tut mal ordentlich gut, wenn man noch mal ein anständig Butterbrot essen kann, leider war es nicht viel und ich habe es schon auf. 

Mit dem schicken, das hört jetzt für mich auch auf, da alle Wollsachen nur auf Punkte zu haben sind.

Mutter fragt im letzten Brief, ob ich zu meinem Geburtstag einen besonderen Wunsch hätte. Ja Ihr Lieben, was soll ich mir denn wünschen.

Den Wunsch, den ich habe, könnt Ihr mir ja doch nicht erfüllen. Und es wird wohl auch nichts mehr damit werden, denn seit ein paar Tagen fährt überhaupt keiner mehr in Urlaub. Wie das alles noch gehen soll, ich werde kein schlau mehr aus der Geschichte. “Laße dem Schicksal seinen Lauf!”

So heißt ein altes Sprichwort, es kommt doch alles, wie es kommen muß. Nun schließe ich in der Hoffnung, bald was von Euch wieder zu hören.

Viele Grüße

von Eurem Adolf!

                                                                                                                                                                         

Frankreich, den 25.II.41

Liebe Eltern u. Geschwister!

Heute abend habe ich einen lb. Brief bekommen. 

Liebe Mutter, Du hast Dich, wenn ich recht verstehe, ein wenig gekränkt gefühlt, wegen der Päckchen. So war das nun noch nicht gemeint, denn Du schreibst u. schickst mir zur Genüge. 

Ich meinte alle anderen Bekannten, die sonst schon mal an mich dachten. Es ist wie verhext, kaum das ich mich “beschwert” hatte, da kamen Päckchen, noch u. noch. Von Lotte 2, von Groß 1, von Tante Änne 1, von Unterbusch 1 und von Euch 3 oder 4. 

Ja Sie haben alle an mich gedacht zu meinem 21. Wiegenfeste. 

Also liebe Mutter, ich bitte Dich, mich nicht verkehrt zu verstehen.

Am Samstag war ich wiedermal in Paris, in einem Schwimmbad, es war wunderbar. Ich bin da auch zum ersten mal mit der Untergrundbahn gefahren, es ist eine tolle Sache. Und wir fahren ja alle umsonst, das haben wir auch gründlich ausgenutzt. Wir sind kreuz u. quer unter Paris rum gefahren. 

Wenn ich in dieser u. in der kommenden Woche nicht so oft schreibe, dann müßt Ihr das entschuldigen, da wir am 6. III. Besichtigung haben durch den General. Das macht vorher viel Arbeit. 

Heute ist der Uffz. bei dem ich Putzer bin, auch in Urlaub gefahren, es gibt jetzt nur noch 16 Tage. Und bald nichts mehr, denn wenn Ihr mal die Nachrichten verfolgt, dann merkt Ihr ja, das irgendwas im Anlauf ist. 

Ich habe mich bereits damit abgefunden. Lotte schrieb mir auch 2 Briefe, die ich heute bekam. Die waren so lieb u. auch von Ihrem Vater bekam ich heute einen, in dem er mir schrieb das seine Frau bei Euch gewesen wäre. Er hat auch ein Päckchen an mich abgeschickt von Ihrem “Gottfried”. Es tut richtig gut, wenn man mal so was von der Heimat in den Magen bekommt.

Ich habe in der letzten Woche des nachmittags immer nur Kuchen u. Kaffee getrunken, so richtig nach Herzenslust. Ich bin auch beim Komiß ordentlich gewachsen, ich bin ungefähr 1,72 oder 1,73 m groß, schon größer wie Lotte, das wurde ja auch bald Zeit!

Nun seid alle recht herzlich gegrüßt u. geküßt

von Eurem zahmen Raudi!


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